Kommentar zum Streik der Lufthansa-Piloten

Seit heute morgen streiken die Piloten der Lufthansa, Germanwings und Lufthansa Cargo. Die Nachrichten sind zur Zeit voll davon und immer mehr Journalisten – und Politiker – fühlen sich bemüßigt ihre Meinung öffentlich kund zu tun. Das will ich an dieser Stelle auch tun, denn bei manch einem Kommentar, den ich bereits im Vorfeld dieses Streiks zu hören und lesen bekam ging mir der Hut hoch!

Drei Tage bleiben die Flieger der Lufthansa nun leer (Symbolbild)

Drei Tage bleiben die Flieger der Lufthansa nun leer (Symbolbild)

Doch zuerst einmal muss man sich klar werden, worum es bei diesem Streik eigentlich geht: Im September letzten Jahres hat die Lufthansa als Arbeitgeber einseitig die Versorgungs-Tarifverträge gekündigt! Es geht den Piloten daher weniger um die Erhöhung ihrer Gehälter, als vielmehr um die Erhaltung der Jahrzehnte geltenden Vereinbarungen.

Seit mehreren Jahren wird auf Teufel komm raus bei Lufthansa gespart. Zur Zeit passiert dies im Rahmen von „Score“ (von vielen Lufthansa-Mitarbeitern auch verächtlich „Scare“ bezeichnet). Score wurde ursprünglich angekündigt und aufgelegt, damit die Lufthansa neue Flugzeuge finanzieren könne. Dies – und das war neu in der Geschichte der Kranich-Airline – sollte durch Einsparungen auf Mitarbeiter-Seite passieren. Dass die Passagiere auch unter dem Spar-Zwang leiden, sei hier am Rande und exemplarisch an den harten Sitzen der „Neuen Europa Kabine“ erwähnt.

Vor wenigen Wochen – die Pilotenvereinigung Cockpit befand sich bereits seit langem in Verhandlungen mit dem Lufthansa-Vorstand – kündigte dann der scheidende Vorstandsvorsitzende Christoph Franz an, dass man doch so toll im Rahmen von Score gespart habe, dass man eine Dividende an die Aktionäre ausschütten werde. Da habe ich mich auch gefragt: Was soll denn das jetzt? Sollte nicht für neue Flugzeuge gespart werden? Anscheinend nicht und so zeigt sich mal wieder, dass dem Fetisch des Shareholder Value alles andere untergeordnet wird. Auch die soziale Verantwortung des Arbeitgebers!

Zurück zum aktuellen Streik: Man kann es befremdlich finden, dass man bei den Gehältern, die die Kranich-Piloten erhalten, streikt. Dennoch ist es das gute Recht der Piloten! Den Piloten sind Arbeitnehmer, wie jeder andere (mich eingeschlossen) auch. Und Streiks sind nun mal die einzige Waffe, die in einem Arbeitskampf Wirkung erzielt. Und bei diesem Streik geht um nichts Geringeres als die Wegnahme langjährige zugesicherter Gehaltsbestandteile. Gehaltsbestandteile? Genau das. Denn die erforderlichen Gelder für die sog. Übergangsversorgung der Piloten waren bisher ein fester Bestandteil der Piloten-Gehälter.

Man stelle sich vor, als „normaler“ Arbeitnehmer wurde jahrelang ein Teil des Gehaltes für eine betriebliche Altersversorgung einbehalten. Von einem Tag auf den anderen würde nun der Arbeitgeber entscheiden: Schluss, Aus, wir wollen die einbehaltenen Beträge an unsere Aktionäre ausschütten! Ich weiß es ist zwar etwas zugespitzt, trifft aber den Kern der Sache. Welcher Arbeitnehmer würde in einer solchen Situation nicht auf die Barikaden gehen?

Ein Grund, warum es die Übergangsversorgung der Piloten überhaupt gibt, hat mit der besonderen Arbeitssituation zu tun. Denn jeder Pilot muss regelmäßig seine fliegerärztliche Tauglichkeit nachweisen lassen und verliert er dieses „Medical“ verliert er auch automatisch seine Lizenz und damit seinen Job. Und da die Wahrscheinlichkeit, ein „Loss of Medical“ zu erleben, mit zunehmenden Alter steigt, gibt es die Übergangsversorgung, um die Zeit bis zum regulären Renteneintritt zu überbrücken. Also eine Art Berufsunfähigkeits-Versicherung.
Update 4.9.2014: Für den Fall der Berufsunfähigkeit, also dem sog. „Loss of Medical“ ist die private Berufsuntauglichkeitsversicherung eines jeden Piloten zuständig. Nach zehn Jahren Firmenangehörigkeit steuert auch die Lufthansa einen Anteil an dieser Versicherung bei.
Trotzdem trägt der ständige Wechsel zwischen den Zeitzonen (Jetlag), erhöhte Strahlenbelastung und das weiterhin ungelöste Problem mit dem Öldämpfen („Aerotoxisches Syndrom“ aufgrund von „Fume Events“) dazu bei, dass sich Piloten evtl. früher als andere Arbeitnehmer nicht mehr den Aufgaben gewachsen sehen. Und für diesen Fall ist die Übergangsversorgung gedacht. Im Übrigen gehen beileibe nicht alle Piloten der Lufthansa bereits mit 55 Jahren in den Vorruhestand, sondern durchschnittlich erst mit 59 Jahren.

Ein paar Worte zu den Kommentaren zum aktuellen Streik und ihren Verfassern: Da wird sich hingestellt und eine gesetzliche Unterbindung von Streiks, die die Volkswirtschaft belasten, gefordert. Aber welcher Streik hat denn je die Volkswirtschaft nicht belastet? Von daher habe ich den Eindruck, dass die ganzen Kommentare von Journalisten und Politiker auf zwei Grundlagen fußen: Unwissenheit über die eigentlichen Streikziele und Neid auf die Pilotengehälter! Man sollte sich allerdings immer vor Augen führen, dass Streiks ein legitimes Mittel des Arbeitskampfes ist und im Rahmen der Tarifautonomie grundgesetzlich geschützt ist. Wer also das Streikrecht beschränken möchte, legt auch Hand an Grundrechte an. Wollen wir das wirklich? Ich jedenfalls nicht, auch wenn ich manchmal Leidtragender eines Streikes bin und werde.

Ich bin gespannt, wie der Streik der Piloten weiter geht und wann der Lufthansa-Vorstand der Vereinigung Cockpit ein vernünftiges Angebot auf den Tisch legt, so dass weitere Streiktage vermieden werden können.

Der nächste Streik, wenn auch nicht zwingend der Piloten, wird bei Lufthansa aber nicht lange auf sich warten lassen, wenn der Vorstand der Kranich-Airline nicht ihr „Management by Brechstange“ sein lässt. Denn auch die Kabinen-Crews, die in der UFO organisiert sind, sind von der Kündigung der Versorgungs-Tarifverträge betroffen. Auch die Flugbegleiter haben Anspruch auf eine Übergangsversorgung. Und dann sind da noch die Mitarbeiter am Boden, die auch von der Kündigung der Verträge betroffen sind. Für sie geht es – wie auch für Cockpit und Kabine – um die Streichung der Garantie-Rendite der betrieblichen Altersvorsorge. Es stehen der Lufthansa und ihrem Vorstand also stürmische Zeiten ins Haus, wenn – ja wenn – sich im Umgang mit den eigenen Mitarbeitern nicht gravierend etwas ändert.

Meine Solidarität gilt den Piloten, Flugbegleitern und dem Bodenpersonal gleichermaßen! Auch wenn ich dadurch gelegentlich betroffen bin…

Hinweis in eigener Sache: Ich bin nicht nur Reiseblogger, sondern primär Arbeitnehmer. Ich war aber noch nie Mitglied in einer Gewerkschaft oder Partei.

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Veröffentlicht von Ingo Busch

Ich habe schon meinen zweiten Geburtstag an Bord eines Flugzeuges gefeiert und bin seitdem schon viel in der Welt unterwegs gewesen. Als bekennender "Aviation Geek" freue ich mich daher umso mehr, dass ich beruflich viel unterwegs bin und mir daher daher der Stoff zum Bloggen so schnell nicht ausgeht.

11 Kommentare

  1. Hi Ingo,
    das ist echt ein ganz, ganz starker Artikel – danke! Mir gehen diese, von Neid geprägten Kommentare zu dem Thema ziemlich auf den Keks…
    Besten Gruß!

  2. Super Kommentar, so ähnlich (längst nicht so ausführlich) habe ich das auch gestern bereits in einer Diskussion geäußert: https://www.facebook.com/joerg.baldin/posts/10203579441226380?comment_id=8483924&offset=0&total_comments=34

    Schade, dass unsere Gesellschaft größtenteils nur noch blind vor Neid und Hass Problematiken, die überdurchschnittliche Einkommensgruppen betreffen, gar nicht mehr nüchtern reflektieren kann. Und die Medien spielen noch in der ersten Reihe mit, machen Stimmung gegen ausgeübte Grundrechte.

    Dennoch ist es natürlich auch das Recht der Lufthansa, seit Jahrzehnten bestehende Zusagen irgendwann einmal den Gegebenheiten der Neuzeit anzupassen. Es waren ja u.a. Lufthansa-Piloten, die geklagt haben, bis zum offiziellen Rentenalter auch weiter fliegen zu dürfen. Bin gespannt, wie der Kompromiss beider Interessen letztlich aussieht.

  3. Hallo Ingo,

    vielen Dank für den tollen Kommentar plus die vielen Hintergrundinformationen. Ich kann dir hier nur voll und ganz zustimmen. Ich selbst fliege kommende Woche mit Lufthansa nach Prag. Auch wenn ich hoffe, dass dann nicht gerade wieder gestreikt wird, wäre ich sicherlich nicht sauer auf die Piloten sondern eher auf das Unternehmen selbst!

    Ich wünsche dir noch ein schönes Wochenende.

  4. Respekt für diesen offenen und mit Fakten gespickten Beitrag! Der allgemeinen Presse scheint eine gute Recherche in letzter Zeit ein zeitaufwendiges Übel zu sein, auf das man auch gut verzichten kann. Mal wieder ein glänzendes Beispiel wie wichtig Blogs im Netz sind. Danke dir für diesen Beitrag!

    LG Phil

  5. Pingback: Unpacking Travel: Ausgabe 19 | GoEuro Blog

    […] nur über den Kanal der Dividenden ausgezahlt und alles bleibt beim Alten. Habe nur den Kommantar hier gelesen. Bin nicht informiert und konzentriere mich wieder auf mein Kerngebiet. Links einfügen, […]

  6. Ich finde es super, dass du Hintergrundinfos gibst! Natürlich gehöre ich auch zu denen, die sich tierisch ärgern, wenn Flüge ausfallen, weil gestreikt wird. Ich musste vor kurzem auch zwei Tage lang auf Busse verzichten und war froh, dass ich mit dem Auto zur Arbeit fahren konnte. Trotzdem ist es aber das gute Recht der Arbeitnehmer, zu streiken. Das sollte man sich immer vor Augen führen, auch wenns schwer fällt. Ich glaube, das Hauptptoblem ist, dass häufig die Hintergründe nicht transparent genug sind. Aber das hast du ja jetzt in diesem Fall sehr gut geändert! 🙂

    Liebe Grüße
    Jessi

  7. Also ich bin ja kein Freund von unterbezahlter Arbeit, jedoch finde ich es nicht so toll wenn die Auswirkungen von Streiks auf mein Konto gehen! Als Berufspendler ist man manchmal auf die Flieger angewiesen!

    Natürlich habe ich auch Verständnis für die Piloten, sie haben sehr viel Verantwortung zu tragen und müssen dem entsprechend entlohnt werden, jedoch fürchte ich das deren gehaltserhöhung am ende auf den Endverbraucher abgewältzt wird!

    schöne grüße aus dem Urlaub,
    Andrej

    • Lieber Andrej, wie schon erwähnt geht es nicht um eine Gehaltserhöhung, sondern um die Kündigung eines Gehaltbestandteiles!

      Nebenbei, irgendwer muss zwischen meinem Konto und der Gehaltsabrechnungsstelle der Lufthansa sitzen, weil ich irgendwie nie das bekomme, was mir laut Bild usw. zustehen sollte… Und noch was: wer als Pilot wirklich gut verdienen will, der lässt Freunde, Familie und Heimat so ganz einfach hinter sich und geht nach Dubai, Shenzhen oder Shanghai… Aber auch wenn dort zum Teil das Doppelte bezahlt wird, scheint es zum einen nicht so einfach zu sein, auszuwandern, und zum anderen scheint es auch nicht am Gesamtergebnis eines Unternehmens zu rütteln, wenn man einer kleinen Gruppe wirklich fürstliche Gehälter bezahlt…

  8. Ich bin ja von den Fliegern nicht so betroffen und dennoch kann ich einen solchen Streik gut nachvollziehen. Gerade wenn es – wie du beschreibst – auch um das streichen von Leistungen gibt.

    Ich hoffe das es gut ausgeht und auch ich als „Pendler“ bin von Öffi-Streit betroffen. Aber seis drum, es geht darum das Arbeitnehmer auch eine gerechte Entlohnen seiner Leistung bekommen soll.

    Toller Artikel !!

  9. Danke für den Beitrag! Ich bin zwar nach wie vor anderer Meinung, finde aber den Ansatz richtig das Thema sachlich anzugehen und mit Fakten aufzuwarten – in den „populären Medien“ wird man in der Tat nicht richtig und vollständig über die Streikgründe informiert. Durch Deinen Post weiss nun ich auch ein wenig besser Bescheid.

    Die Schlussfolgerungen Deiner Argumentation kann ich leider zumeist nicht teilen. Da das Thema in seiner Gesamtheit sowohl gesetzlich-juristische Fakten als auch ethisch-moralische Positionen tangiert, gibt es sowie nicht die einzig richtige Wahrheit. Persönlich finde ich, dass man als Arbeitnehmer auch die gesamtwirtschaftliche Bedeutung richtig einzuordnen hat. Um direkt mal hier anzusetzten:
    Das eine AG seinen Shareholdern verpflichtet ist, ist keine Erfindung der Lufthansa, sondern gesetzlich vorgegeben – man kann das gut finden oder nicht – verantworlich dafür ist aber der Gesetztgeber! Das die Geschäftsführung Dinge plant und umsetzt ist die eine Sache, dass die die Aktionärsversammlung (Shareholder) solche auch mal kippt und auf eine Ausschüttung besteht eine andere… (zu beachten, im PR-Deutsch klingt eine solche Entwicklung dann natürlich anders)
    „Erhaltung der Jahrzehnte geltenden Vereinbarungen“ – das Bestehen auf einst erlangten Pfründen ist eine beliebte, aber gleichermassen egoitisch und auch dumme Argumentation. Das sich die globale Situation, wie auch, das politische und wirtschaftliche Gesamtbild einer Gesellschaft über die Jahre wandelt ist das normalste der Welt – einzig Gewerkschaften kämpfen branchenunabhängig mal realistischer, mal verbissener um Errungenschaften, die nicht mehr zeitgemäß erscheinen. Und das trifft hier genauso zu, wie bei den Bauern in Frankreich die regelmässig ihr Land lahmlegen, weil die enormen Subventionen des Staates einfach nicht mehr die Realität abbilden (anderes Thema).
    Bei einer Arbeitnehmergruppe wie den Piloten der LH, die deutlich überdurchschnittlich verdient (sowohl im Vergleich zum 0815 Arbeitnehmer, wie auch im Vgl. zu anderen in Deutschland angestellten Piloten) und *vermutlich auch noch ein dreizehntes oder vierzehntes Gehalt bekommt plus evt. Urlaubsgeld* (Vermutung!) sind moralische Zweifel an den Fordrungen und erst Recht an einem Streik durchaus angebracht. Ja, gesetzlich gesehen haben die Piloten ein Streikrecht, aus meiner Sicht aber missbrauchen die Piloten selbiges aus REIN egoistischen Gründen.
    Im Unterschied zu Zeiten in denen die LH der fette Platzhirsch in Europa war mit kaum Konkurrenz und vermutlich einer hervorragenden Bilanz, ist heute der Wettbewerb sehr hart. Daher ist es nur richtig, dass die LH in allen Unternehmsteilen und auch beim Personal erruiert, welche Einsparmöglichteiten gegeben sind, um im internationalen Wettbewerb weiterhin konkurrenzfähig bleiben zu können. (ob dieser globale Wettbewerb richtig ist und auf dem Rücken der Menschen ausgetragen wird ist eine ganz andere Frage und DARF für die Bewertung der hier diskutierten Thematik KEINE Rolle spielen, da es durch die Protagonisten gar nicht beeinflussbar ist)
    Was die Gewerkschaft und Piloten nämlich irgendwie gekonnt ignorieren sind einerseits die Konsequenzen, die aus den Forderungen und den Streiks resultieren, aber auch die Alternativen, die angeblich bei den anderen Fluggesellschaften soviel besser sind…
    Wenn die LH jetzt nicht an solchen Regelungen wie der Übergangsvorsorge dreht, gibt es vielleicht in ein paar Jahren weniger Flugrouten, weniger Maschinen und somit auch weniger Arbeitsplätze, weil nur Strecken mit dem entsprechenden Margenfaktor angflogen werden. Oder die LH bedient sich mehr Codeshare-Flügen, die von Partnergesellschaften durchgeführt werden und kein eigenes Personal bedürfen.
    Das Piloten in Asien mehr verdienen können, kann schon sein – Dir ist aber hoffentlich auch klar, dass sie dann nicht in Deutschland angestellt sind und vermutlich von vielen vorteilhaften gesetzlichen Regelungen und Schutz nicht profitieren, den es in Deutschland gibt. wie bspw. Kündigungsschutz, Rente, Arbeitsschutzregelungen, Urlaub, etc. pp.
    Ich persönlcih hätte für einen Streik der Flugbegleiter durchaus Verständnis, aber nicht bei den Piloten!

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