Alltäglicher Wahnsinn, Fliegen
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Piloten-Streiks sind ärgerlich – aber aushaltbar!

Symbolbild: Lufthansa Boeing 737 (aufgenommen in Leipzig (LEJ))

Wo ein Streik reglementiert oder gar verboten ist, handelt es sich um reine Diktaturen.

Dieser Satz stammt nicht von mir, sondern vom legendären ÖTV-Vorsitzenden Heinz Kluncker (zur Erinnerung: Die ÖTV, Gewerkschaft öffentliche Dienste, Transport und Verkehr, ist als größte Einzelgewerkschaft 2001 in der heutigen Verdi aufgegangen). Heinz Kluncker war von 1964 bis 1982 Vorsitzender der ÖTV. Mit ihm an der Spitze streikten die Boden-Beschäftigten der Lufthansa 1971 fast zwei Wochen lang.

Fast zwei Wochen ging gar nichts. Obwohl damals nur – aus Sicht des Lufthansa-Vorstandes – eine Minderheit der Mitarbeiter streikte. Der Münchner Schickeria gingen die Austern aus und westdeutsche Ministerpräsidenten mussten auf einmal via Berlin mit Pan Am, British Airways oder Air France von Düsseldorf nach Hamburg fliegen. Ist deswegen das Abendland oder etwa die Bundesrepublik Deutschland untergegangen? Deinitiv: Nein!

Umso mehr wundere ich mich seit meinem letzten Kommentar zum Streik der Lufthansa-Piloten über die ständige Einmischung von Außen in den Tarifkonflikt bei der Lufthansa. Auch wundere ich mich sehr darüber, dass es anscheinend nur die wenigsten Journalisten für nötig erachten sauber zu recherchieren. Dazu gehört für mich auch das Beherzigen von „Audiatur et altera pars“ (lat. „Man höre auch die andere Seite.“). Stattdessen lese ich in den „klassischen“ Medien seit Monaten zu häufig nur die Positionen des Lufthansa-Vorstandes. Dabei wäre für die etablierten Medien (die uns Blogger zu oft mit dem Stempel der Oberflächlichkeit versehen) genügend Zeit für eine tiefgründige Recherche: Bereits Anfang September 2013 wurde der Tarifvertrag Übergangsversorgung (der Knackpunkt der aktuellen Tarif-Auseinandersetzung zwischen den Piloten und dem Vorstand der Lufthansa) einseitig durch den Vorstand gekündigt.

Seit der Kündigung des Tarifvertrages Übergangsversorgung bis zum ersten Streik am 2. April 2014 konnte jedoch keine Einigung zwischen den Tarifparteien erzielt werden. Dass der Lufthansa-Vorstand es bis dahin – und zum großen Teil bis heute – eher vorzog Verbal-Attacken gegen die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit zu reiten, anstatt sich an den Verhandlungstisch zu setzen, ist schon außergewöhnlich in der Nachkriegsgeschichte Deutschlands!

Sicherlich ist es so, dass die Verhandlungen zwischen der Vereinigung Cockpit (VC) und dem Lufthansa-Vorstand nicht einfach sind. Die Positionen sind einfach zu gegensätzlich. Andererseits hat der LH-Vorstand nichts unternommen, um einer ernst gemeinten Einigung näher zu kommen. Ganz im Gegenteil: Es ist nahezu kein einziger Monat vergangen, in dem der Vorstand der Lufthansa nicht noch mehr Öl ins Feuer gegossen hätte.

Und so wird die Liste der Punkte, über die man – neben dem Tarifvertrag Übergangsversorgung – reden könnte bzw. sollte immer länger. Denn während man noch über die Übergangsversorgung stritt und weiterhin streitet – und seit April letzem Jahres beinahe monatlich die Piloten immer mal für mehrer Tage streiken – kündigt die Lufthansa immer neue Giftpillen an, die auch dem ruhigsten Gemüt die Zornesfalten auf die Stirn treiben:

  • Die „neue“ Germanwings wird in die „neue“ Eurowings überführt
  • Im Rahmen des „Jump“-Konzeptes werden Langstrecken-Flugzeuge durch – billigere – Lufthansa Cityline Piloten geflogen (die Vereinigung Cockpit hat diesem Konzept zähneknirschend zugestimmt; beweist also Einigungsbereitschaft in kritischen Punkten)
  • Die neue Eurowings führt in Zukunft Langstreckenflüge durch. Mit Crews von Sun Express und damit nicht Lufthansa-Konzern-Personal.

Die VC versucht seit Monaten mit der Lufthansa eine Einigung herbei zu führen. Daher hat sie schon vor einiger Zeit dem Lufthansa-Vorstand eine Gesamt-Schlichtung vorgeschlagen, um neben der Einigung über einen neuen Tarifvertrag Übergangsversorgung auch über alle anderen strittigen Punkte Einigkeit zu erzielen. Und seit Monaten lehnt der Lufthansa-Vorstand diese Gesamt-Schlichtung ab.

Stattdessen erleben wir Monat um Monat das Gleiche: Die Piloten treten für einige Tage in den Ausstand und der Lufthansa-Vorstand ergeht sich darin entweder nach der Politik und einer Einschränkung der Tarifautonomie und des Streikrechtes zu rufen, oder immer nur von der „Unverhältnismäßigkeit“ des jeweiligen Streiks zu reden. Einigungsbereitschaft seitens der Lufthansa sieht für mich anders aus!

Dennoch ist und bleibt ein Tarifkonflikt die Sache von zwei Parteien: Die jeweilige(n) Gewerkschaft(en) und der Unternehmensleitung. Es ist nicht hilfreich seitens der Politik ein Gesetz zur Tarifeinheit auf den Weg zu bringen, welches bereits jetzt schon von führenden Juristen und dem wissenschaftlichen Dienst des Bundestages als verfassungswidrig erachtet wird. Noch viel weniger hilfreich ist es, die Politik zur Intervention im aktuellen Tarifkonflikt zu drängen.

Denn ein Streik ist das einzige Druckmittel, welches Gewerkschaften bleibt, um ihren Forderungen in einem schwelenden Tarifkonflikt Nachdruck zu verleihen. Dabei ist es vollkommen egal, ob es sich um Briefträger, Putzfrauen, Müllmänner oder eben Piloten und Lokführer geht! Dort die Axt anzulegen wäre fatal und dies hat Heinz Kluncker schon vor über vierzig Jahren (s.o.) erkannt.

Ja, ein Streik nervt! Es muss aber egal sein, wer streikt! Und wenn die Politik meint, sie müsse gerade im Tarifkonflikt bei der Lufthansa regulierend eingreifen, sollte sie sich erst einmal die Privatisierungs-Entscheidung aus der Vergangenheit nochmals vor Augen führen: Von 1994 bis 1997 wurde die Lufthansa schrittweise privatisiert. Vorher besaß die öffentliche Hand über 50 Prozent der Anteile und hatte damit auch im Aufsichtsrat der Lufthansa die Mehrheit. Und über den Aufsichtsrat konnte man auch sehr einfach einen nicht verhandlungsbereiten Lufthansa-Vorstand „zurück pfeifen“. Im Übrigen saßen einige der heutigen Mitglieder der Bundesregierung (Schäuble und Merkel) schon damals mit am Kabinettstisch…

Streiks sind unpopulär. Streiks nerven. Streiks schränken uns (gelegentlich) in unseren Plänen ein. Aber sie sind aushaltbar!

Von daher täten wir alle (das schließt auch die LH-Mitarbeiter am Boden und in der Kabine mit ein) gut daran, die „Streithähne“ (Lufthansa-Vorstand und Verhandlungsführer der Vereinigung Cockpit) zu ermahnen, endlich im Rahmen einer Gesamt-Schlichtung eine Lösung des Konfliktes zu finden, damit die Streikerei ein Ende findet.

Hinweis in eigener Sache: Ich bin nicht nur Reiseblogger, sondern primär Arbeitnehmer. Ich war aber noch nie Mitglied in einer Gewerkschaft oder Partei.

An alle Leser, die via Facebook diesen Artikel gefunden haben: Ich würde mich sehr über Kommentare unter diesem Artikel freuen. Kommentare, die bei Facebook in (geschlossenen) Gruppen abgegeben werden, kann ich nicht lesen 🙁

Der Travelblogger beschreibt sehr eindrucksvoll in seinem – nahezu zeitgleich erschienendem – Kommentar, wie er den Streik aus Passagiersicht findet. Bitte lest auch seine Meinung zum Thema.

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29 Kommentare

  1. Nein, Streiks von Airlines sind nicht aushaltbar!

    Seit Lufthansa die Verlässlichkeit verloren hat, meide ich sie wenn immer möglich.

    Unsere Reiseplanung ist aufwändig genug, da will ich mich nicht auf eine streikgefährdete Airline verlassen…

    • Ingo Busch sagt

      Ich kann Deinen Ärger absolut nachvollziehen. Ich bin ja auch häufig genug Passagier. Und letztes Jahr musste ich um die Streiks „herum buchen“.

      Es steht Dir absolut frei, die Lufthansa derzeit in Deinen Reiseplanungen nicht zu berücksichtigen. Aber was machst Du, wenn es in Zukunft zu Streiks bei der Swiss kommen sollte? Dieses Szenario ist im Übrigen nicht so unwahrscheinlich, da auch dort das (Lufthansa-) Management mit der Brechstange hantiert.

      Und ganz ehrlich: Zeige mir weltweit einen Legacy-Carrier, bei dem noch nicht gestreikt wurde! In den letzten Jahren waren in Europa so gut wie alle Airlines von Arbeitsniederlegungen betroffen. Auch wenn sie, wie z.B. bei Austrian, als Betriebsversammlungen genannt wurden…

  2. Julia sagt

    Einer der sinnvollsten Artikel/ Beiträge, die ich bisher zum Thema Lufthansa gelesen habe. Neutral und sachlich – es wäre wünschenswert, wenn wir auch solche Beiträge in den großen Zeitungen lesen würden und die Piloten nicht zum zentralen Mobbingobjekt der Nation gemacht werden würden.
    Es ist erschreckend und in gewisser Weise auch traurig, mit welcher Aggressivität und Strategie ein Unternehmen gegen seine Mitarbeiter vorgeht und es schafft eine einzige Mitarbeitergruppe zu isolieren und für eigene Managementfehler verantwortlich zu machen.

  3. Kurt sagt

    Vielen Dank Herr Busch für diesen sehr sachlichen Artikel!

    Er trifft die Sache auf den Punkt! Auch wenn Streiks in der Luftfahrt extrem nervig sein können (gerade wenn sie die eigene Reiseplanung betreffen), so sollte doch gerade unter Arbeitnehmern aus allen Bereichen Verständnis und Solidarität für Tarifkonflikte wie diesen herrschen. Denn dass eine Firma so mit ihren Mitarbeitern umgeht, darf nicht sein, ob in der Luftfahrt oder irgendeiner anderen Branche.
    Wenn sich das Vorgehen der Lufthansa für die Aktionäre bewährt, dann werden auch andere Firmen so vorgehen, das steht außer Frage. Umso mehr ist es wichtig, dass man gemeinsam an einem Strang zieht, um dies zu verhindern.

  4. Michael sagt

    Herr Busch,
    Vielen Dank auch einmal unsere Seite, die Pilotenseite darzustellen… Bei all den Anfeindungen und der negativen Presse, freut mich, dass es noch Leute gibt, die auch mal einen Blick hinter die Kulissen riskieren. Vielen Dank!

    Einer der Streikenden… Und ja: Mich nervt der Streik auch. Meine Freizeitplanung ist dahin, und sogar die Urlaubsplanung meiner eignenen Frau. Nichts desto trotz: Ich streike weiter für mein Recht als Arbeitnehmer. Und das lass ich mir von niemandem nehmen!

  5. Einleitung:
    „Auch wundere ich mich sehr darüber, dass es anscheinend nur die wenigsten Journalisten für nötig erachten sauber zu recherchieren. Dazu gehört für mich auch das Beherzigen von “Audiatur et altera pars” (lat. “Man höre auch die andere Seite.”).“

    … und dann nur die Sichtweise einer Seite darstellen.
    Damit kann ich den ganzen Artikel nicht ernst nehmen. Ob der Rest nun der Wahrheit entspricht oder nicht, ist egal.

    • Ingo Busch sagt

      Ich empfehle Ihnen, meinen Artikel vielleicht noch einmal zu lesen. Der Grundtenor sollte eigentlich sein: Bitte seht die Situation nicht nur durch die Brille des Arbeitsgebers (sprich: Lufthansa). In einem Tarifkonflikt haben beide Seiten ihre (berechtigten) Interessen…

  6. Susan sagt

    Der Artikel trifft es auf den Punkt, vielen Dank!
    Ein Management, dass seine eigenen Mitarbeiter gegeneinander aufhetzt und diese Streiks offenbar locker finanziell aussitzen kann, ist weit entfernt von sozialer Verantwortung und Mitarbeiterführung. Wenn die Lufthansa könnte, würde sie nur noch Roboter ins Cockpit setzen und Getränkeautomaten in die Kabine stellen, dann wären die Mitarbeiterprobleme gelöst und die Aktionäre happy. Ist es das was die Passagiere wollen?

    • Ingo Busch sagt

      Ich denke nicht, dass es das ist, was die Passagiere wollen. Zumindest nicht die Lufthansa-Passagiere. Beim Publikum eines irischen Billigheimers mag das etwas anders sein…

  7. Ich bin LH Mitarbeiter (am Boden) in leitender Position, habe einen Sohn mit fertiger LH Pilotenausbildung in ‚Wartestellung‘ und ‚blogge‘ zum ersten Mal in meinem Leben, weil es mir ein Bedürfnis ist, mich zu diesem Thema öffentlich zu äußern.
    Ich kann nur jedes Wort von Herrn Busch unterschreiben und dazu auffordern, nicht zu voreilig aufgrund sehr einseitiger Berichterstattung oder ‚eigener gefühlter Unannehmlichkeiten‘ sein Urteil zu fällen. An einem Konflikt jeder Art ist nie Einer dran schuld, da gehören immer mindestens zwei dazu. Wenn aber nur eine Partei als Verursacher des Konfliktes dargestellt wird, dann sollte das schon einmal per se nachdenklich stimmen.
    Zum Wohle der Lufthansa, ihrer Kunden und Mitarbeiter sollte von der Öffentlichkeit und/oder allen Beteiligten eine Gesamtschlichtung – über bedingungslos alle Themen, die den Konflikt verursacht und geschürt haben (das ist mehr als das Thema Übergangsversorgung) – gefordert werden. Beide Konfliktparteien haben eindrucksvoll gezeigt, dass sie unfähig sind, dies aus eigener Kraft zu schaffen.

  8. Karlo sagt

    Der Artikel erscheint sachlich und versucht die Gewerkschaftsseite in ein angemesseneres Licht zu rücken. Das gelingt jedoch nur bedingt. Denn, das entscheidende Element, welches ausgeblendet wird, ist die an den nackten Zahlen ablesbare wirtschaftliche Lage der LH. Sofern keine tiefgreifende Änderungen vorgenommen werden, die den heute unverhältnismäßig erscheinenden Besitzstand der Belegschaft angehen, wird die LH kollabieren. Gegenargumente, die auf steigende Vorstandsbezüge o.ä. Abstellen , sind in diesem Kontext fehl am Platze, genauso wie jene bzgl. Der strategischen Ausrichtung. Denn das sind und bleiben alleine Vorstands- und -über den AR-vornehmlich Eigentümerentscheidungen. Auch ist es wenig sinnvoll auf die Privatisierungssituation vor 20 Jahren hinzuweisen–LH Piloten werden nach wie vor fürstlich bezahlt. Eine erfolgreiche Restrukturierung à la British Airways wird man aber mit der momentanen, utopischen Anspruchshaltung nie hinbekommen. Auf lange Sicht werden die Streikenden, insbesondere die jüngeren Piloten, die Quittung erhalten.

    • Ingo Busch sagt

      Kann man so sehen, muss man aber nicht. Ich jedenfalls teile diese Meinung nicht. Ich bleibe dabei: Auch der Lufthansa-Vorstand muss sich endlich auch bewegen!

    • Gerda Middelschinken sagt

      Ob die Gehälter der Piloten üppig oder nicht sind, spielt in der Tarifauseinandersetzung gar kein Rolle!
      Das schürt nur eine ungerechtfertigte Neiddebatte. Wenn der Vorstand der Deutschen Bank
      10 Millionen €/pA erhält, haben das ausschließlich die Eigentümer (sprich Aktionäre) zu entscheiden.
      Eine Mark (bzw. heutzutage ein Euro) lässt sich nur einmal ausgeben!
      Wenn die Piloten in den vergangenen 30 oder 40 Jahren jeweils zugunsten ihrer Altersicherung oder Übergangsversorgung auf Einkommenszuwachs verzichtet hatten, dann lag es daran, das ein Euro eben nur einmal verteilt werden konnte! Über diesen Gehaltsverzicht zugunsten der Altersicherung oder Übergangsversorgung wurden Verträge zwischen den Parteien geschlossen, die in einem Rechtsstaat Gültigkeit haben!

      Was würden Sie denn sagen, wenn Ihnen arbeitsvertraglich ein Dienstwagen zugesichert wurde, Ihr Arbeitgeber plötzlich meint, Ihr Dienstwagen sie ihm auf einmal zu teuer, weil er seine Produkte am Markt nicht mehr zu den Preisen absetzen kann, die er bekam, als er mit Ihnen den Arbeitsvertrag abschloss und nun einseitig diesen Teil des Vertrages kündigt? Vermutlich würden Sie Ihren Arbeitgeber auf Einhaltung des Vertrages verklagen.
      Haben Sie sich auch schon mal gefragt, wie Sie es empfinden würden, wenn Ihr Arbeitgeber von der gesamten Belegschaft Einkommeseinbußen berlangt, weil er unbedingt einen neuen Maschinenpark anschaffen muß?
      Ähnliches passiert in der Geschichte der Lufthansa jetzt zum ersten Mal!
      LH argumentiert, man brauche Geld um in neue Flugzeuge zu investieren, daher müssten alle Mitarbeiter den Gürtel enger schnallen.
      Bei dieser Argumentation frage ich mich, wie und mit welchem Geld die Flugzeuge in den letzten 60 Jahren eingeflottet wurden. Sicher ist nur, das nicht die Mitarbeiter durch Gehaltsverzicht oder Gehaltseinbußen diese Flugzeuge in Vergangenheit finanziert haben.
      Wäre LH ehrlich, würden Sie der allgemeinen Öffentlichkeit offenbaren, das die vertraglich vereinbarte Zinslast für die Alterssicherung plötzlich nicht mehr finanzierbar ist, da das allgemeine Zinsniveau gesunken ist.

      Mir und vermutlich auch den Gewerkschaften ist das Zinsproblem durchaus bewusst. Es ändert aber nichts an einmal geschlossenen Verträgen! Die Zinslast von Krediten beim Hausbau oder Hauskauf war vor zehn Jahren auch deutlich höher als jetzt. Wer damald ein einen Vertrag mit Zinsbindung über 15 Jahre abgeschlossen hatte, muss auch heute noch die vertraglich hohen Zinsen zahlen, obwohl die Zinsen derzeit im Keller sind. So ist das nunmal mit Verträgen, die man abgeschlossen hat!

      • Was die Lufthansa allerdings verschweigt: Die niedrigen Zinsen entlasten das Unternehmen erheblich mehr auf der Kreditseite, als es bei der Altersversorgung belastet.

  9. Sebastian sagt

    Ein sehr nüchterner Beitrag über die verfahrene Situation, die derzeit bei der LH zwischen Management und den Piloten herrscht.
    Ich habe in der Tat Verständnis für jeden Flugreisenden, den es durch einen streikbedingten Flugausfall trifft. Aber sind wir mal ehrlich, wie hoch ist das Risiko für den „Gelegenheits-Flieger“???
    Ich selbst kann diese Parolen nicht mehr hören, in denen Gelegenheits-Flieger sich aufspielen und unsachliche Kommentare von sich geben…
    Tatsächlich beschreibt der Artikel äußerst gut, welch komplizierte Situation es derzeit zu Lösen gilt. Auch hier ist die Schuld geteilt bei beiden Parteien zu suchen.
    Eigentlich sollte man als Arbeitnehmer in Deutschland fast dankbar sein, dass eine Gewerkschaft einer Firma die Stirn bietet. Der LH Vorstand ist getrieben von seinen Aktionären, die Devise heisst billig, billig, billig…
    Unglaublich viele Fehler des Managements der letzten Jahre (Austrian/Tyrolian, LH Italia, etc…) müssen nun ausgebadet werden. Wohin soll die Reise gehen? Norwegian bspw. stationiert das Personal in Thailand – um nur ein Beispiel zu nennen.
    Es geht beim derzeitigen Streik doch schon längst nicht mehr um die reine Übergangsversorgung. Viel mehr geht es um die allgemeine Frage, in welche Richtung sich eine Unternehmenskultur entwickelt. Scheinbar hat der Aktionär mehr Einfluss, als die Belegschaft. Schaut man auf die restliche Belegschaft der LH, sieht es doch auch nicht besser aus. Hier werden sämtliche Bodenmitarbeiter an Fremdfirmen ausgelagert, zu äußerst fragwürdigen Bedingungen. Große Teile der Lufthansa wurden bereits nach Polen verlagert und das Ende ist noch lange nicht in Sicht.

    Nur der Vorstand um Carsten Spohr, der hat sich zum Amtsantritt erst einmal das Gehalt deutlich aufgebessert…

  10. Horst sagt

    Es ist das Recht der Piloten zu streiken. Und ein Streik soll unangebehm sein und zielt darauf ab, dem Unternehmen in gewissem Sinne zu schaden. Es ist genauso das Recht der Unternehmensleitung respektive der Eigentümer, den Streikforderungen nicht nachzugeben. Ebenso ist es rechtens seine Sichtweise in den Medien darzustellen. Natürlich kann hierbei beiderseitge Unnachgiebigkeit oder das Durchsetzen unsinniger Forderungen, genauso wie falsche Unternehmensplanung im Extremfall sogar zum Untergang des Unternehmens führen. Das ist eben so. Die Alternative ist ein diktatorischer Staat, der das Unternehmen leitet und Arbeitskampf jeglicher Art verbietet. Wenn man das nicht möchte, muss man mit den Konsequenzen leben. Allen Aussenstehenden steht es frei das Verhalten beider Konfliktparteien zu kommentieren und Konsequenzen, soweit möglich, zu ziehen. Was allerdings Unfug ist, sind Binsenweisheiten über Vorstandsgier, falsche Unternehmensstrategie oder Terrorisierung der Öffentlichkeit durch goldene Piloten zu verbreiten.
    Bleibt zu hoffen, das eine lebensfähige Lösung gefunden wird und die Lufthansa weiterhin als Arbeitgeber und Dienstleistungsunternehmen zur Verfügung steht, denn sonst sind (2009) 64.434 Mitarbeiter allein in Deutschland ohne Arbeit und fallen im schlimmsten Fall dem Steuerzahler zur Last.

  11. Joachim Vázquez Bürger sagt

    Lieber Herr Busch,

    ich danke Ihnen für diesen Blog, den ich für bemerkenswert gut recherchiert halte und der diesen Tarifkonflikt besser beleuchtet.
    In der Tat hätten Sie zu einer ausgewogeneren Darstellung des Tarifkonflikts den provozierenden Vorstandsentscheidungen zur Aushöhlung der Konzerntarifstrukturen durch die günstigere Cockpitbesetzung mit Piloten der Tochtergesellschaften Eurowings, CityLine und Sun Express auch einige Informationen über die schwierige Marktsituation der Lufthansa entgegen stellen können. Diesbezüglich gebe ich „Karlo“ Recht. Allerdings widerspreche ich „Karlo“ vehement, es „sei fehl am Platze“ in diesem Zusammenhang zu erwähnen, dass der Vorstand einerseits erhebliche Vergütungs- und Rentenkürzungen von seinen Angestellten fordert, andererseits sich selbst aber eine satte Erhöhung der fixen und variablen Vergütung, sowie der üppigen Pensionsrückstellungen über den Aufsichtsrat genehmigen lässt. Die Kritik an „Eigentümerentscheidungen“ in diesem Kontext hat nichts mit Neiddebatte als viel mehr mit Glaubwürdigkeit zu tun.

    Ich habe tatsächlich den Eindruck, dass die Presse sehr bereitwilig die Veröffentlichungen der neu aufgestellten Kommunikationsabteilung der Lufthansa zitiert. Im Gegensatz zur Pressearbeit der Lufthansa hat aber leider die Öffentlichkeitsarbeit der Vereinigung Cockpit noch erhebliches Potential. Wer streikt, sich den verärgerten Kunden und gleichsam betroffenen Kolleginnen und Kollegen aber nicht persönlich zum Dialog stellt, darf sich über medialen Gegenwind nicht wundern.

    Das Beharren auf Maximalpositionen ist ein bedauerliches Merkmal dieses Tarifkonflikts. Die Angst vor Gesichtverlust scheint auf beiden Seiten größer zu sein als die Lösungsbereitschaft. Ein Schlichter könnte Bewegung in die festgefahrene Situation bringen. Stattdessen hört man von beiden Seiten Durchhalteparolen, die wenig Hoffnung auf einen zeitnahen Kompromiss lassen. Es besteht die Gefahr, dass die Marke „Lufthansa“ einen irreparablen Imageschaden erfährt, weitere Marktanteile verliert und letztlich nur Verlierer produziert.

    • Ingo Busch sagt

      Bei der Öffentlichkeitsarbeit der Vereinigung Cockpit gibt es tatsächlich noch „Luft nach oben“. Wobei es auf der Website der VC recht gute FAQs zur Übergangsversorgung gibt.

  12. Joachim Vázquez Bürger sagt

    Natürlich bietet die Website der VC gute Informationen. Aber es ist eben „nur“ eine Website. Die Empfehlung an die Pilotenschaft lautet, sich der Öffentlichkeit, sich den Kunden, sich den Kolleginnen und Kollegen von Boden und Kabine zum Dialog stellen, den kursierenden Klischees begegnen und für seine Streikziele werben.

    Mit öffentlichkeitswirksamen und gleichsam populistischen Statements, wie „Piloten sind überbezahlt und gierig“, „ihre Übergangsversorgung ist ein veraltetes Privileg längst vergangener Tage“, „Piloten der Lufthansa sind nicht solidarisch, weder mit anderen Lufthansaangestellten, noch mit Piloten anderer Fluggesellschaften außerhalb des Konzerntarifvertrages“, „Piloten erschweren den Berufszugang, um über künstliche Verknappung das Gehaltsgefüge hoch zu halten“, „Piloten streiken und sie interessieren sich nicht für die, die dadurch die Unannehmlichkeiten haben“, „Piloten nehmen die deutsche Gesellschaft für ihren Egoismus in Geiselhaft“ wird ein einseitiges Meinungsbild geschaffen. Dieser wirksamen Kampagne hat die Vereinigung Cockpit bislang wenig fantasievolles entgegengesetzt. Ein wirksamer Streik in der heutigen Mediengesellschaft braucht nicht nur eine juristische Legitimation, er braucht auch eine moralische Legitimation, gute Gründe für die Solidarität aus der Mitte der Gesellschaft. Es gäbe gute Argumente dafür, aber ich sehe wenig Bemühen bei der Vereinigung Cockpit die Öffentlichkeit davon zu überzeugen.

    • Wer mal ein bisschen ins Tarifrecht schaut, wird schnell erkennen, dass man sich stets auf Messers Schneide befindet was die Kommunikation angeht. So gibt es einen sehr strikten Rahmen dessen was in Deutschland bestreikt werden darf. Auch wenn Vorwürfe nicht zutreffen, lauert Lufthansa nur darauf etwas zu finden mit dem sie Streikmaßnahmen verbieten lassen könnte; der Anschein reicht.

      Lufthansa hat darüber hinaus als größter Printabnehmer Deutschlands eine gewisse Macht über die Medien, der die VC nur wenig entgegen zu setzen weis. Das Eingeständnis dazu gibt es hier http://www.manager-magazin.de/unternehmen/artikel/dax-konzerne-starten-initiative-fuer-sauberen-umgang-mit-medien-a-1019429.html

      Dazu kommt leider eine immer schlechter werdende Recherche der Journalisten, ob nun mangels Interesse oder mangels Zeit sei mal dahin gestellt. Es ist festzustellen, dass weder neutral berichtet, sondern vielmehr, bevor man überhaupt verstanden hat welche Hintergründe eine Geschichte hat lieber die Schlagworte aus Pressemitteilungen der Unternehmen übernommen werden und schnell ein Kommentar zusammen gezimmert wird. Kritisches Hinterfragen ist heute wohl auch zeitlich nicht mehr möglich oder gewollt. So werden einfach die Angaben des HGB Ergebnisses ohne zu hinterfragen was das eigentlich für ein Parameter ist als „große Verluste“ dargestellt.

      Monatelang werden falsche Dinge kolportiert und da einer vom anderen auch gerne mal abschreibt, weiterverbreitet, z.B. dass die Piloten mit 55 Jahren und 60 Prozent ihrer Bezüge aufhören können. Mit welcher Legitimität dies eigentlich von ganz Deutschland diskutiert werden muss, fragt nicht einer der Journalisten, sondern man beteiligt sich kräftig daran Demagogie zu betreiben. Das ist schlicht Machtmissbrauch der Medien.

  13. Christoph R. sagt

    Vom Titel war ich begeistert und habe mich über einen unvoreingenommenen Bericht gefreut. In der Realität sieht es anders aus. Leider sehr einseitig pro VC.

    Sicher ist das was LH tut nicht alles Gold. Schaut man sich jedoch einmal an, was Jörg Handwerg von der VC die letzten Wochen so alles vom Stapel gelassen hat, braucht sich niemand zu wundern, warum die Piloten in der Öffentlichkeit ein solches Ansehen haben.

    Und seien wir doch mal ehrlich… LH entlohnt seine Cockpit-Crew nach wie vor fürstlich. Das trifft auch immer noch zu, wenn die ein oder andere Sozialleistung weg fallen sollte. Das schlimme dabei: Der typische LH-Flugzeugführer hat sich über Jahrzehnte an diesen Standard gewöhnt und sieht ihn als vollkommen „normal“ an. Leider sitzen die Scheuklappen da sehr fest und mal nach links und rechts zu schauen, was der Wettbewerb so mit seinen Crews macht, fällt sehr schwer. Würde man das mal tun, würden sich wesentlich mehr Piloten in die Ecke stellen und schämen für das was sie hier veranstalten.

    • Ingo Busch sagt

      Also ich wäre – egal wie hoch entlohnt werde – nicht sonderlich begeistert, wenn man mir fest zugesagte Gehaltsbestandteile aufkündigt. Und nichts anderes hat die Lufthansa hier mit der Kündigung des Tarifvetrags zur Übergangsversorgung gemacht!
      Ganz davon abgesehen möchte ich nicht in einem Flugzeug sitzen, welches von Piloten gesteuert wird, die aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters nicht mehr wirklich fit genug für die Aufgabe sind…

      • Christoph R. sagt

        Der fest zugesagte Gehaltsbestandteil ist im Arbeitsvertrag eines jeden Piloten verankert. Der Tarifvertrag ist etwas komplett anderes und wie in jeder anderen Branche auf dieser Welt kommt es vor, dass dieser aufgekündigt wird. LH tut hier nichts verbotenes.

        Ich gehe nicht davon aus, dass es bei LH irgendwann dazu kommen wird, dass jemand im Cockpit sitzt der nicht flugtauglich ist. Das wird der konzern-eigene Medizinische Dienst zu verhindern wissen. Und da sind wir wieder bei dem Thema fürstliche Entlohnung. Das Gehalt welches ein LH-Pilot Monat für Monat bekommt, lässt ohne weiteres das beiseite legen einer stattlichen Summe für´s Alter zu. Was uns wiederum zum Thema bringt, was ein LH-Pilot als „normal“ empfindet; und in den meisten anderen Branchen, die wesentlich schlechter bezahlt sind, ist so etwas normal.

        Nochmal:
        Scheuklappen runter – nach links und rechts schauen – Nachdenken auf welchem Luxusniveau hier gestreikt wird

        • Ingo Busch sagt

          Natürlich ist das Kündigen eines Tarifvertrages nichts Verbotenes. Wenn man aber einen Tarifvertrag aufkündigt darf man sich als Arbeitgeber nicht wundern, wenn die betroffenen Arbeitnehmer für einen neuen Tarifvertrag streiken!

          Die Höhe des Gehaltes hat in Deutschland glücklicherweise keinen Einfluss auf die Rechte als Arbeitnehmer!

  14. Dieter Schmidt sagt

    Zum Thema einseitige Meinungsbildung zugunsten LH und der ungenügenden Aufklärung seitens der VC: Wenn doch alle Zeitungen bzw Medien „gekauft“ sind, schlecht recherchieren, „lügen“ durch weglassen von Fakten usw: Warum sammelt die VC nicht einfach Geld von ihren Mitgliedern, stellt sich den Fragen der Öffentlichkeit, schafft einen Gegenpol, druckt dann das ganze und verteilt es als Postwurfsendungen in ganz Deutschland? Mal so als Idee?

  15. Thomas sagt

    Hallo,

    In dem Artikel gibt es kein einziges Argument „Pro LH“, dafür jede Menge Argumente „Pro VC/Contra LH“. Es ist auch vollkommen legitim einen solchen Artikel zu verfassen – das stelle ich nicht in Abrede. Aber bitte nicht so tun, als wäre der Artikel ausgewogen, denn das ist er objektiv/faktisch nicht.

  16. Milchmaedchen sagt

    Hallo Ingo,

    Hut ab für den Blog. Dieser spiegelt oder versucht zumindest einmal die Situation von der heiter / ernsten Seite zu beleuchten. Ich denke in der Handlungsweise der beiden Parteien spiegelt sich auch in gewissem Maße der aktuelle Zeitgeist wieder. Dieser scheint sich wie folgt umschreiben zu lassen:

    1. Für Entscheidungen welche sich im Nachhinein als schlecht herausstellen, ist immer der
    Vorgänger schuld. Aus meiner Sicht gilt, Verträge müssen gelebt werden und können jederzeit an
    geänderte Rahmenbedingungen angepasst werden.

    2. Ich fordere von anderen, ohne selbst einen Beitrag fürs Unternehmen zu leisten. Der Vorstand der Firma
    XYZ fordert von seinen Angestellten einen Lohn oder Rentenverzicht, ohne seine Rentenbezüge ebenfalls
    zur Disposition zu stellen, denn diese sind ja von den Aktionären den sogenannten Eigentümern
    legitimiert. In den Geschäftsberichten versteckt er diese im Fließtext.
    Auch in der LH war das mal anders. (Siehe Probleme nach nineeleven)

    3. In der hausinternen Kommunikation schaue ich als Vorstand seelenruhig zu, wie sich die Belegschaft in
    Foren verbal zerlegt. Netzwerke unter Mitarbeitern sind unerwünscht in Krisenzeiten aber notwendig.

    4. Die studierte Führungselite ist nicht in der Lage eigene Geschäftsideen und Konzepte zu entwickeln und
    hört überwiegend auf Beratungsfirmen. Bei Problemen so wohl die Hoffnung, kann man dann auf diese
    verweisen.
    Es ist halt einfach in finanziellen Krisen zunächst Arbeitnehmer zu entlassen.
    Das kann ich nur als einfallslos bezeichnen.

    5. Fehlende Konsensfähigkeit.

    6. Bislang haften Vorstände nicht für wirtschaftliche Fehlentscheidungen. Die Zielvereinbarungen sind immer
    an den Ergebnissen für die Shareholer orientiert.
    Von der Verantwortung für die Mitarbeiter spricht niemand. Nicht umsonst heisst es, der Erfolg eines
    Unternehmens steht und fällt mit den Mitarbeitern. Mitarbeiter welche ständig in der Furcht um Ihren
    Arbeitsplatz sind, haben keine Zeit sich Gedanken um Prozessverbesserungen zu machen.

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