Alltäglicher Wahnsinn
Kommentare 2

Was schwarz auf weiß in der (Süddeutschen) Zeitung steht…

… ist immer wahr? Die Frage habe ich mir ernsthaft am Wochenende gestellt. Aber von Anfang an:

Ich habe früher immer ein Zeitungs-Abo besessen und daher regelmäßig Tageszeitung gelesen. Irgendwann bin ich aus Zeitgründen nicht mehr dazu gekommen, mich der täglichen Zeitungs-Lektüre zu widmen und mit dem Aufkommen von Spiegel Online & Co. konnte ich mein Informationsbedürfnis auch auf andere Weise befriedigen.

Jedoch immer wenn ich fliege, habe ich gerne eine Zeitung, Zeitschrift oder ein Magazin dabei, da man leider immer noch nicht während des Starts und des Landeanfluges iPad und Kollegen benutzen darf. (Ich möchte an dieser Stelle keine Diskussion über das Für und Wider dieser Vorschrift der Luftfahrtbehörden führen – obwohl das bestimmt interessant ist).

Auf meinem Rückflug von einer USA-Geschäftsreise am Samstag von Newark nach Düsseldorf lag während des Boardings im Finger auch die Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung aus. Da ich die SZ persönlich sehr schätz(t)e griff ich zu, auch wenn das Zeitungsformat nicht gerade Flugzeug-kompatibel ist. Ich kämpfte mich also durch den Berg toten Holzes, als ich im Wirtschaftsteil über einen Artikel über die aktuellen Probleme mit Boeings Dreamliner stolperte.

In dem Artikel mit der Überschrift „Brand im Traumflieger“, der der Feder von Jens Flottau und Moritz Koch entstammt, wird über die aktuellen Zwischenfälle mit Boeings 787 – von Boeing „Dreamliner“ getauft – in der letzten Woche berichtet. Aufhänger für den Artikel ist die Ankündigung der US-Luftfahrtbehörde FAA, den Dreamliner genauer unter die Lupe zu nehmen, da innerhalb einer Woche eine Reihe von technischen Problemen bei Boeings Prestige-Flugzeug auftraten:

  1. Auf dem Flughafen Boston ist am 7. Januar die Batterie der Hilfsturbine (APU = Auxilary Power Unit) einer Boeing 787 in Brand geraten und musste von der Feuerwehr gelöscht werden.
  2. Genau einen Tag später, also am 8. Januar, musste ein Ersatzflugzeug der gleichen Airline wegen eines Treibstofflecks wieder zum Gate in Boston zurück kehren.
  3. In Japan musste einen Tag später erneut ein Flug gestrichen werden, weil es Probleme mit dem elektrischen Bremssystem des Hightech-Fliegers gab.
  4. Am 11. Januar 2013 ist auf einem Inlandsflug von Tokio-Haneda nach Matsuyama bei einem japanischem Dreamliner die Cockpit-Scheibe gerissen.

Über die oben aufgezählten Zwischenfälle hatte ich im Laufe der Woche über verschiedene Aviation-Portale und diverse Tweets die Details nachlesen können. Und daher stolperte ich beim Studium des Artikels über den Satz

Alle Pannenjets werden von der japanischen Fluggesellschaft ANA (All Nippon Airways – Anm. d. Red.) betrieben.

Moooment! Habe ich das richtig gelesen? Die ganze Pannenserie sei bei ANA geschehen? Diese Aussage ist aber vollkommen falsch! Denn: Zwischenfall eins (Brand) und zwei (Treibstoffleck) sind bei Flugzeugen von ANAs Konkurrenten JAL (Japan Airlines) passiert. Nur Zwischenfall drei und vier passierten bei ANA.

Ich saß vollkommen verdattert in meinem Sitz und grübelte. Jens Flottau kannte ich bisher als einen versierten Luftfahrt-Journalisten, der nicht nur für die Süddeutsche Zeitung arbeitet, sondern auch bei der renommierten „Aviation Week„. Und ich fragte mich ernsthaft, wie ihm so ein Fauxpas passieren konnte.

Bei Jens Flottaus Kollegen Moritz Koch kann ich schon eher nachvollziehen, dass ihm so ein Fehler unterlaufen konnte, da er „nur“ Korrespondent der SZ in New York ist.

Am Ende meiner Überlegungen weiß ich jetzt wirklich, warum ich seit Jahren nicht mehr regelmäßig eine Tageszeitung kaufe und lese. Bei dieser bescheidenen Recherche-Qualität, die offenbar auch ohne große Probleme die Schlussredaktion passieren konnte, sehe ich keinen Grund, warum für mich Bäume abgeholzt werden sollen. Da können die Zeitungsverleger noch so laut nach einem Leistungsschutzrecht rufen (Hintergründe u.a. hier und hier) aber den von ihnen beschworenen „Qualitäts-Journalismus“ finde ich im Netz mitunter eher.

Vielen Dank liebe Süddeutsche Zeitung, dass Ihr mir endlich die Argumente geliefert habt, warum ich endlich guten Gewissens auf eine Tageszeitung verzichten kann.

Hinweis in eigener Sache: Ich habe während meines Studiums selbst für viele Jahre als freier Mitarbeiter verschiedener (Tages-) Zeitungen geschrieben und fotografiert. Daher enttäuschen mich Tageszeitungen heute umso mehr.

Verwandte Artikel:

2 Kommentare

  1. Rob Revet sagt

    Wenn ich aus einen Journalistenfehler – aus zwei Japanische Airlines wird im Artikel eine – den Schluß ziehe, Journalismus wäre sein Geld nicht wert, dann muss ich aus der Pannenserie bei der B787 doch zwangsläufig fordern, Boeing solle am besten die Flugzeugproduktion einstellen…

    • Ingo Busch sagt

      Nun, man sollte die ganze Sache auch im Kontext der Debatte um das Leistungsschutzrecht sehen. Und da stelle ich mir schon die Frage, wie der geschilderte Faux Pas zum Argument „Qualitäts-Journalismus findet in Zeitungen statt“ passt…

      Boeing schreit immerhin nicht nach Kohle vom Staat, nur weil man deren Flugzeuge fotografiert, um mal einen (wenn auch hinkenden) Vergleich anstellen will.

      Das ganze Debakel um den Dreamliner will ich gar nicht kommentieren.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.