„Ich habe noch einen Koffer in Berlin!“

„… aber leider nicht hier auf den Kanaren“, dachte ich mir, als ich nach einem Tag ohne Gepäck erfuhr, dass mein Koffer dort gestrandet ist und nicht so schnell den Weg zu mir finden würde. Dabei hatte Ronald Reagan mit dem Satz damals etwas ganz anderes gemeint…

Aber von Anfang an: Wir checkten auf den letzten Drücker in Düsseldorf ein, um über Berlin-Tegel nach Teneriffa-Süd zu fliegen. Mich beschlich schon an diesem Morgen das Gefühl, dass ich möglicherweise ohne Gepäck auf Teneriffa ankäme. Fragt mich nicht wieso, aber ich ahnte, dass es passieren könnte.

Ein paar Tage musste ich auf meinen Rimowa verzichten

Ein paar Tage musste ich auf meinen Rimowa verzichten

Wir flogen von Berlin ab und nach ein paar Stunden landeten wir auf dem Flughafen Teneriffa-Süd (TFS). Wie üblich trabten wir zum Gepäckband. Nach ein paar Minuten fing dieses auch an zu drehen und wir konnten den Koffern der Mitreisenden beim Rotieren zuschauen. Irgendwann drehte sich das Band nicht mehr, alle anderen Passagiere hielten ihr Gepäck in den Händen. Außer uns. Wir standen ohne unsere Koffer am Flughafen. Da mir dies nicht zum ersten Mal im Leben passierte – immerhin erreicht knapp ein Prozent aller aufgegebenen Koffer ihr Ziel nicht pünktlich – wusste ich was zu tun war.

Also ab zum Lost&Found-Schalter der Iberia. Als örtlicher Partner der Air Berlin „kümmert“ sich Iberia in Teneriffa um fehlgeleitetes Gepäck. Jetzt sollte man davon ausgehen, dass an einem internationalen Flughafen wie TFS das Personal, auch bei Iberia, Englisch sprechen würde. Dummerweise tat die Dame beim Lost&Found dies nicht. Auch sonst schien sie nicht gerade sehr motiviert ihrer Arbeit nachzugehen.

Dank Elena, die für uns übersetzte, nahm die Iberia-Mitarbeiterin die Verlustmeldung auf. Die Nummern der Baggage-Tags wurden notiert und wir mussten unser Gepäck beschreiben. Kleine Anmerkung am Rande: Warum die IATA keine Klassifizierung für Alu-Koffer kennt, wird wohl auf ewig ihr Geheimnis sein. Wir bekamen unsere Verlustmeldung in die Hand gedrückt und damit war der Drops für den Lost&Found gelutscht. Hallo? Ohne Overnight-Kit?

Ein Overnight-Kit erhält man normalerweise von den Airlines, wenn das Gepäck „stehen geblieben“ ist. Dieses Set für die erste Nacht enthält üblicherweise Zahnbürste und -Pasta sowie ein T-Shirt. Oftmals werden auch zwei verschiedene Versionen – für Männlein und Weiblein – angeboten, so dass es für die Männer auch noch Rasierer, Rasierschaum und Kamm gibt. Naja, solch ein Overnight-Kit gab es für uns nicht. „Die gibt es bei Air Berlin nicht“, beschied der Iberia-Lost&Found unser Begehren. Man hätte zwar Iberia-Overnight-Kits, aber die könne man uns als Air Berlin Passagiere nicht aushändigen. Bei solchen Aussagen bekomme ich Bluthochdruck!

Für uns bedeutete dies, dass sich unser Plan für den Nachmittag änderte: Anstatt in Los Christianos gemütlich ein paar Stunden abzuhängen, bevor wir die Fähre nach La Gomera bestiegen, mussten wir nun einkaufen. Also ab in eine Shopping-Mal und, zu wahrscheinlich total überteuerten Preisen, erst einmal Unterhose, T-Shirt und Co. einzukaufen. Dann noch flugs in einen Supermarkt, um Zahnpaste, -bürste, Deospray und Haarbürste zu besorgen. Und das alles ohne zu wissen, wer den Spaß letztendlich bezahlt. Den „selbstverständlich“ wurden wir vom Lost&Found nicht darüber informiert, dass wir die Auslagen von Air Berlin erstattet bekämen.

Mit unseren frisch erworbenen Habseligkeiten und unserem Handgepäck setzten wir nach La Gomera über. Eine Nacht ohne Gepäck und mit den wichtigsten Dingen lässt sich überleben und daher nahm ich die ganze Sache noch etwas locker, nachdem mein anfänglicher Zorn wegen des verweigerten Overnight-Kits verflogen war. Wir harrten der Dinge, genossen den Aufenthalt auf der Insel und doch beschlich mich wieder so ein dumpfes Gefühl, dass ich abends nochmal meine Ausstattung erweitern müsse. Währenddessen telefonierte die liebe Elena unentwegt mit Iberia, Air Berlin und weiß Gott mit sonst noch wem.

Gegen Nachmittag hieß es dann: Die Koffer stünden immer noch in Berlin! Wie bitte? Die Koffer haben es von Düsseldorf nach Berlin geschafft und dort steht mein Gepäck immer noch herum? Ich konnte nicht glauben, was ich hörte und musste doch erkennen, dass es wohl die bittere Wahrheit ist. Also musste wieder das Programm umgeworfen werden, damit wir wieder Einkaufen konnten und trotzdem nicht den Sonnenuntergang verpassten.

Sonnenuntergang auf La Gomera

Sonnenuntergang auf La Gomera

Ausgestattet mit einem neuem Hemd und Badehose – wer wusste schon, ob wir unsere Koffer überhaupt noch vor unserer Abreise wieder sehen sollten – ging der zweite Tag auf den Kanaren seinem Ende entgegen. Eine zusätzliche Unterhose konnte ich übrigens nicht käuflich erwerben und so stand dann an diesem Abend auch noch Wäsche waschen auf dem Programm. Ehrlich: Es gibt schönere Dinge auf Reisen!

Notfall-Shopping: Eine Badehose muss her

Notfall-Shopping: Eine Badehose muss her

Am nächsten Tag sollten wir weiter nach La Palma reisen. Dies wusste auch schon Air Berlin und Iberia und man versicherte uns, dass wir abends am Flughafen Santa Cruz de la La Palma (SPC) unser Gepäck in Empfang nehmen könnten. Voller Vorfreude bestiegen wir die Turboprop-Maschine der Binter Canarias, um über Teneriffa-Nord (TFN) nach SPC zu fliegen.

Was bei unserer Ankunft auf La Palma dann passierte, verschlug mir die Sprache: Binter Canarias, die unser Gepäck im Auftrag von Iberia / Air Berlin von Teneriffa hierher transportieren sollte, teilte uns freundlich mit, dass man uns unser Gepäck nicht aushändigen könne. Es täte ihnen sehr leid, doch ohne Autorisierung durch einen Mitarbeiter von Iberia oder Air Berlin könne man uns die Koffer, die sich noch auf dem Weg hierher befinden, nicht übergeben. Jetzt stand ich wirklich knapp vor einem Tobsuchtsanfall. „Wollen die uns verarschen?“, schoss es mir durch den Kopf. Das darf doch nicht wahr sein. Seit zwei Tagen sind wir ohne Gepäck, ohne unsere Kameraladegeräte und die Akkus machten langsam schlapp. Obendrein wäre eine saubere – kurze (!) – Hose auch nicht schlecht. Von einem frischen T-Shirt ganz abgesehen… Und jetzt ist mein Koffer zum Greifen nah und ich bekomme ihn trotzdem nicht.

Ich war – freundlich ausgedrückt – stinksauer. Elena telefonierte seit zwei Tagen unentwegt hinter unseren Koffer hinterher, bekam ständig neue und widersprüchliche Informationen zum Verbleib unserer Gepäcks und nun so ein Schwachsinn. Ach so: Eine Hiobsbotschaft gab es auch noch: Von drei Koffern seien nur zwei auf dem Weg. Anjas Koffer stünde noch in Düsseldorf oder sonst wo. Viel tiefer konnte unsere Stimmung an dem Abend nicht mehr sinken und mit hängenden Schultern machten wir uns auf den Weg zum Hotel.

Später am Abend saßen wir in der Hotel-Lobby und auf einmal hieß es: „Schau mal da drüben, Ingo! Das ist doch Dein Koffer, oder?“ Ich traute meinen Augen nicht. Da war mein Koffer. Und Janetts Gepäck auch. Von Anjas Tasche jedoch keine Sour, womit sich diese Hiobsbotschaft bewahrheitete…

Die Gepäckanhänger nach der Koffer-Odyssee

Die Gepäckanhänger nach der Koffer-Odyssee

Anhand der Gepäck-Anhänger konnte ich nachvollziehen, welch abenteuerliche Reise mein Rimowa hinter sich hatte:

  • von Düsseldorf ging es ein Flug später als geplant als Standby (!) nach Berlin-Tegel
  • von TXL flog der Koffer dann – jetzt schon mit einem Rush-Label versehen – einen Tag später nach Teneriffa-Süd (TFS)
  • in TFS ließ sich dann die Iberia alle Zeit der Welt, um dann um 18:07 Uhr neue Gepäck-Anhänger auszustellen. Für die Fähre nach La Gomera war es nämlich zu spät.
  • einen Tag später reiste er Koffer mit Binter Canarias über Las Palmas (Gran Canaria) nach La Palma. Man ist nicht auf die Idee gekommen, den Koffer mit dem Auto nach Teneriffa-Nord zu bringen und das Gepäck auf den gleichen Flug, mit dem wir flogen, zu laden.

Ende gut – alles gut? Nicht ganz. Zurück in Düsseldorf meldeten wir uns beim Air Berlin Lost&Found, um zu erfragen, wie die Erstattung unserer Auslagen funktioniert. Alles wir erhielten, war ein Schulterzucken und ein Merkblatt mit Informationen bei Gepäck-Beschädigung. Der Lost&Found in Düsseldorf wird nämlich auch nicht durch Air Berlin unterhalten. Ganz großes Kino! Und so bedurfte es mehrerer E-Mails, bis Air Berlin nicht mit Text-Bausteinen antwortete und ich konkrete Hinweise zur Erstattung meiner Auslagen erhielt. Ein paar weitere E-Mails, nachdem ich meine Belege eingereicht hatte, erfolgte auch die Erstattung.

Fazit: Gepäck kann verloren gehen oder verspätet ankommen. Alles kein Problem. Aber ich erwarte von einer Airline, dass man sich um mein Problem kümmert. Es ist mir als Passagier egal, ob der Lost&Found von der Airline oder einem Partner-Unternehmen betrieben wird. Von daher sollte man bei Air Berlin (und anderen Fluggesellschaften) besser darauf achten, wen man sich als Partner auswählt und ob der Partner auch eine lebende Sprache spricht. Im Übrigen wurden wir nicht einmal direkt von Air Berlin angerufen, um uns den Status mitzuteilen. Da frage ich mich, wofür ich meine Mobil-Nummer angeben musste… Fehler können passieren, ohne Frage. Aber dann muss auch eine Airline sich angemessen um die Passagiere kümmern. Dazu zählt ein Overnight-Kit, verlässliche Informationen während der gepäcklosen Zeit sowie konkrete Hinweise zum Prozedere (Was wird wird erstattet? Wie läuft die Erstattung? usw.)

Hinweis: Ich bin auf Einladung des Spanischen Fremdenverkehrsamtes auf die Kanaren gereist. Die Air Berlin Tickets waren jedoch ganz normale, nicht rabattierte, Flugtickets.

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Veröffentlicht von Ingo Busch

Ich habe schon meinen zweiten Geburtstag an Bord eines Flugzeuges gefeiert und bin seitdem schon viel in der Welt unterwegs gewesen. Als bekennender "Aviation Geek" freue ich mich daher umso mehr, dass ich beruflich viel unterwegs bin und mir daher daher der Stoff zum Bloggen so schnell nicht ausgeht. Zusätzlich blogge ich auch noch auf Pictourist.de vom Fotografieren - nicht nur auf Reisen. Ich würde mich freuen, wenn Ihr dort auch mal vorbei schaut!

16 Kommentare

  1. Man kann beim Lesen des Berichtes noch nachträglich Deinem Blutdruck beim steigen zusehen. Eure Erfahrungen spiegeln leider die Probleme der heutigen Zeit mit „Dienstleistern“ aller Art wieder. So lange man als Kunde umworben wird, kümmern die sich alle. Als gewonnener Kunde ist man dann nicht mehr interessant und der Service wird auf ein Minimum herunter gefahren. Sei es bei Telekommunikationsunternehmen, Fluggesellschaften, Reisegesellschaften, Hotelketten oder was weiß ich. Es gibt natürlich aus andere Dienstleister, nur muß man die mittlerweile als Ausnahmen bezeichnen.

    Auf jeden Fall bin ich froh, das es bei all unseren Reisen noch nie Probleme mit dem Gepäck gegeben hat. Das schlimmste war mal ein verpasster Anschlußflug in Chicago, das wurde aber von den beteiligten Fluggesellschaften problemlos und professionell geregelt.

    Amsonsten und übrigens: Schöner Blog hier!

  2. Pingback: Reisenews

    Reise- und UrlaubsNews

    “Ich habe noch einen Koffer in Berlin!” (Reise-Wahnsinn)

  3. Das liebe Gepäck. Ich hatte mich ja in Zuge meines Berichtes über Verlorenes Gepäck http://teilzeitreisender.de/gepaeckverloren/ auch mal über unsere Lage informiert und bin zu dem Schluss gekommen, das wir auch doppeltes Pech hatten. Normal sind die meisten die nach Teneriffa reisen Einheimische oder Pauschaltouristen. Einheimische werden Verwandte haben, also halb so schlimm, die Pauschaltouristen bekommen ihr Notfallpackage vom Veranstalter, und der Veranstalter muss das Gepäck auch wiederbeschaffen, weil einem Pauschaltourist für jeden Tag ohne Gepäck Schadenersatz ansteht.

    Das zeigt jedoch auch, das es auf den kanarischen Inseln schwer für Individualtouristen wie uns ist. Im Nachhinein war zwar alles halb so schlimm, dennoch war ich überrascht über so wenig „Hilfsbereitschaft“ für einen Flug, der dank Herbstferien nicht unerheblich teuer war.

  4. Seit kurzem landen ladegeräte & adapeter im handgepäck und bei Umsteigen mit kurzer zeitspanne auch noch ein Satz Wechselkleidung, noch nie benötigt (klopf klopf) da die Koffer immer auf dem Rückweg nicht angekommen sind,

  5. … außer großem Kopfschütteln zu Air Berlin fällt mir dazu nur noch ein … wenigstens ist die Badehose sehr schick 😉

  6. Ach, Iberia war auch mit involviert?! Oh je, da können Dinge ja nur schief gehen 😉 Ich könnte eine Vielzahl an Eigenschaften aufzählen, die das Personal dort charakterisieren, aber ich lasse es lieber, will ja nicht, dass meine Geschichte wieder hochkommt… 😉

  7. Oweh, jetzt bin ich auch mal dazu gekommen, mir den Post durchzulesen… Ich kann mir richtig vorstellen, wie du getobt hast! Dein Gesichtsausdruck sagt schon alles. Und was war dann mit Anjas Tasche? Hat sie die erst in Düsseldorf wiederbekommen?

    Liebe Grüße
    Jessi

    • Getobt habe ich nicht. Das hätte auch nichts gebracht. Vor Wut gekocht gekocht habe ich aber schon…

      Anjas Tasche kam übrigens am Vorabend unseres Rückfluges an. Somit hatte Ihre Tasche wenigstens auch La Palma gesehen 😉

  8. Oh je, das war ja wirklich mal das volle Programm an Service-Mentalität einer bzw. mehreren Airlines. XD
    Mein Beileid, so was nervt sicher richtig.
    Liebe Grüße
    Christina

  9. Mensch, euer Ärger ist wirklich nachvollziehbar.
    Die Airlines denken manchmal wirklich, sie können sich alles erlauben.

    Aber Gott sei Dank ist alles wieder da und ihr müsst nicht immer noch in den „wunderschönen“ neuen Badehosen rumlaufen 😉

  10. Herzlich wilkommen bei airberlin 😉 So ähnliche Geschichten kenne ich auch schon… auch wenn bei mir SAS so nett war und meinte „You’ll get an overnight-kit from us so you will have SAS positive in your head and not airberlin“ 😉

  11. Pingback: La Palma Travel-Blogger: Interview mit Reiseexperten | La Palma 24 Journal – Das deutsche Online-Magazin für La Palma

    […] Ingo hat seine im Blick auf die Fluggesellschaften weniger prickelnden Erlebnisse auf reise-wahnsinn.de unter dem Titel „Ich habe noch einen Koffer in Berlin“ niedergeschrieben. […]

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